WARUM ICH LEHRER BLEIBE UND TROTZDEM FOTOGRAFIN BIN

Um ehrlich zu sein: Ich vermisse meinen alten Job. Ich vermisse es Lehrer zu sein.

Wie Lehrer? Du bist doch hauptberuflich Fotografin!


Ich, nach meiner letzten Lehrprobe als alle Schüler weg waren. Fix und fertig, da ich alles einfach anders gemacht habe, als wir es gelernt haben. Da wusste ich die Note noch nicht, aber ich war glücklich, weil es sich gut angefühlt hat. Und das Risiko hat sich gelohnt - es wurde eine 1.


DAS WOW DER SCHÜLER

Ja, jetzt lebe ich den Traum der Selbstständigkeit als Fotografin. Aber noch vor zwei Jahren war ich Lehrerin am Gymnasium für Biologie und Chemie. Viele denken diese beiden Berufe passen nicht zusammen. Wie kann man denn von dem einen Beruf in den anderen wechseln und wie kann ich behaupten, dass ich in beiden Berufen wirklich gut bin?

Ich will es euch erklären, denn für mich war immer klar - beides sind unglaublich kreative Berufe in denen ich mich austoben kann und selbstständig und unabhängig arbeite.

Als Lehrer war es für mich immer ein Highlight, wenn ich Schüler selbst arbeiten lasse und sich dabei einer dieser WOW-Momente zeigt. Ihr wisst schon. Dieser Moment, wenn man in der Schule etwas verstanden hat und es Klick gemacht hat. "Ah, jetzt versteh ich's"

In genau diesen Momenten stand ich vorne und war mit Stolz erfüllt. Vor allem dann, wenn ich mir das Unterrichtsmaterial oder die Lerntechniken selbst zusammengestellt habe. Ihr dürft gerne meine ehemaligen Schüler oder meine Kollegen fragen - ich habe für das Unterrichten gelebt.



Bei mir waren Chemiestunden keine trockenen Vorträge über Protonenübergänge oder stupide Nachweisreaktionen von Zuckermolekülen. Biologie war kein Auswendiglernen der einzelnen Knochen im Körper des Menschen. Nein, bei mir ging es darum den Alltag zu verstehen. Ist Fensterreiniger eigentlich sauer? Wo steckt mehr Zucker drin: Im Ketchup oder in Chips? Kann man Knochen überhaupt in Säure auflösen, wie das die Gangster im Film immer machen?

Ich wollte nie, dass es langweilig wird. Denn wenn es für die Schüler langweilig war, war es fast immer auch langweilig für mich. Und es gab keinen Grund mir selbst so etwas anzutun.

Meine Schulstunden waren vor allem vollgestopft mit "Selbermachen". Denn so ist das mit denen, die etwas lernen wollen. Wirklich Erfolg hat man nur, wenn man etwas selbst macht und aktiv lernt.


MEINE WURZELN

Gestern war ich zu Besuch an meiner ehemaligen Ausbildungs-Schule. Es wurde eine Fortbildung angeboten zu computergesteuertem Experimentieren. Aber warum genau war ich nun bei dieser Fortbildung, wenn ich doch nun Hochzeitsfotografin bin?

Wisst ihr, ich mag es nicht mich oder andere in eine Schublade zu stecken. Ich liebe es mehr zu wissen, als man eigentlich benötigt. Sich selbst weiterbilden und weiter zu entwickeln. Und genau das war das für mich. Meine Vergangenheit nicht einfach abschieben, sondern dieses immense Wissen, was ich mir über so viele Jahre angeeignet habe zu behalten. Und es war einfach wundervoll wieder in einem Labor zu stehen, Sachen zusammen zu schütten und zu experimentieren.


So sah bei mir der Aufbau eines Schülerlabors aus. Das heißt hier haben die Schüler selbstständig experimentieren und lernen können.

Nach der Fortbildung konnte ich mich noch mit ehemaligen Kollegen noch austauschen. Die sind natürlich alle total geschockt, dass ich dem Lehrerberuf den Rücken gekehrt habe.

Ich allerdings wollte nie NICHT Lehrer sein. Mein großes Problem ist einfach das System dahinter.


DAS GLÜCK AUF MEINER SEITE

Der Vollständigkeit halber muss ich hier allerdings kurz ausholen:

In Bayern kann jeder Lehramt studieren. Fast alle Fächer sind zulassungsfrei. Du gehst also an die Uni und alle sagen dir "Lehrer sind gebraucht", "Als Lehrer bekommst du immer eine Verbeamtung" und du glaubst ihnen diese Sätze, denn das ist es doch was man hören will.

Gegen Ende des 5-Jährigen Studiums wird dir allerdings immer mehr klar, dass es eben doch nicht so leicht ist.

Alle erfolgreichen Studenten haben Anspruch auf einen Referendariats-Platz. Das Referendariat ist nun die reale Welt - die praktische, zwei-jährige Ausbildung zum Lehrer. Es gibt nur wenige Ausbildungs-Schulen in ganz Bayern und jeder Student muss nun solch einen Platz bekommen. Die Konsequenz daraus ist, dass alle darum bangen, wo genau der Staat sie nun für diese zwei Jahre hinsteckt. Denn man kann zwar Wünsche äußern, aber am Ende werden alle Stellen zentral verteilt. So kam es, dass viele meiner Freunde einen Platz in München bekommen haben, obwohl sie hier in Franken zuhause waren. Man konnte zwar sagen "Nein, der Platz ist nichts, das ist 3 Stunden von meiner Wohnung mit meinem Partner entfernt", aber am Ende hätte das bedeutet das Referendariat gar nicht zu machen. Denn der Staat bietet dir nur einmal eine Stelle an.

Gut, nun hatte ich riesiges Glück und bin an meine Wunschschule nach Kronach und zwischenzeitlich auch Forchheim gekommen. Für mich ein 6er im Lotto.



Das Referendariat war hart, aber es hat Spaß gemacht. Denn ich habe endlich gemerkt, warum ich dieses Studium überhaupt gemacht habe - um zu Unterrichten. Das Studium selbst bereitet einen nämlich in keinster Weise darauf vor zum ersten Mal vor einer Horde pubertärer 8-Klässler zu stehen und dir Respekt zu verschaffen. Aber ich habe es geliebt. Und wie sich heraus gestellt hat, hatte ich ein echtes Talent dazu. Ich habe den Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie stolz ich darauf bin. Vor allem als mir eine der inspirierendsten Lehrerinnen, die ich kenne gesagt hat, ich sei eine bessere Lehrerin als sie - es hat mir die Sprache verschlagen!

Und WIESO bin ich dann nun keine Lehrerin? - Das System…


DAS EIGENTLICHE PROBLEM

Nach dem Referendariat hieß es nämlich nun nicht "Yay, hier habt ihr alle eine Planstelle und werdet verbeamtet" - nein, der Staat hat bayernweit für unsere Fächer genau zwei Stellen vergeben!

Und ich war auf der Liste eben nicht ganz oben. So gut ich im Unterrichten war, so schlecht war ich im Auswendiglernen im Studium. Ein absolute Kontrast an Noten, der in der Summe meine Note 2,0 ergab.

Aber sagen denn nicht die Medien immer, dass wir Lehrer brauchen und es keine Lehrer gibt? Das stimmt so pauschal einfach nicht. Nehmen wir als Beispiel Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie. Gerade ist es im System so, dass der Staat Geld spart indem er Lehrer, die in Pension gehen nicht mit Neuen ersetzt. Entweder werden die Stellen gestrichen oder als Ersatz kommen angestellte Lehrer. Genau das ist es, was ich hätte machen können. An eine Schule gehen, dort unterrichten, die gleiche Verantwortung haben wie die anderen und dafür nur Jahresverträge bekommen und auch noch 700 Euro weniger an Gehalt. Und jeden August wieder bangen, ob und wo ich eine Stelle bekomme.

Das klingt doch nach keinem fairen System, oder? Ihr denkt ich übertreibe? Leider nicht. Fast alle meiner Freunde aus Studium und Ausbildung sind nun seit zwei oder drei Jahren in genau dieser Situation und kämpfen sich von Jahr zu Jahr durch. Das Schulsystem ist sehr träge. Das bedeutet, es wird sich sicher etwas ändern, denn die Probleme sind ja da. Aber eben nicht nächstes Jahr, sondern dann eben erst in 5 oder 6 Jahren. Obwohl akuter Bedarf ist. Das hat die Geschichte unseres Schulsystems schon oft bewiesen.

Ich könnte euch nun noch so viel mehr an dem System hinter der Schule erzählen, was nicht wirklich rund läuft. Aber dies soll keine Anklage sein, sondern nur eine Möglichkeit euch zu erklären, warum das Lehrer-Sein an einer Schule für mich am Ende doch nichts ist, obwohl ich so gut und auch glücklich darin war.




DIE PUZZLE TEILE FÜGEN SICH

Und was vermisse ich besonders daran Lehrer zu sein? Andere dazu animieren sich selbst etwas beizubringen. Ich bin ein Wegbegleiter, ein Motivator und jemand, der den Funken in deinem Kopf setzt.

Nun ist die Frage: Kann ich das denn nicht mit meinem Beruf als Fotograf vereinen? Und meine Antwort ist ein ganz klares JA

Für mich besteht nun die Herausforderung darin, genau dieses Potential zu nutzen und Menschen zu finden, die mir in genau dieser Eigenschaft vertrauen. In der Schule war das leicht - die Schüler mussten ja vor mir sitzen. Nun ist es schwieriger, aber vielleicht sogar noch schöner. Denn wenn jemand zu mir kommt für ein Kreativ-Treffen, eine kreative Fotoreise oder was ich mir sonst noch ausdenken werde, dann WILL diese Person ja auch lernen und sich entwickeln. Denn glaubt mir, in der Schule war das nicht immer der Fall.



DIE ZUKUNFT

Anna hat es so wunderschön in einer unserer unzähligen 10-minütigen Sprachnachrichten gesagt, "Vroni, ich sehe gerade von außen, wie sich bei dir alle Puzzle-Teile zusammenfügen und vor dir ein strahlendes Puzzle liegt". Was für eine wundervolle Vorstellung: Meine Passion als Fotograf und kreativer Mensch vereint mit meiner Leidenschaft Menschen zu motivieren aus sich selbst mehr zu machen.

Und mein Puzzle hat keine Ränder. Es ist ein Endlos-Puzzle, das außen immer weiter wächst und ein immer komplexeres und schöneres Gesamtbild ergibt.


Dieses Bild ist an einem meiner Kreativ-Treffen entstanden. Mit Klick auf Bild kommt ihr zum Instagram-Account von Alex, der Fotografin dahinter.

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